
Anne Sophie von Otter new CD features lieder
and melodies
of Beethoven, Meyerbeer and Spohr
(added August 6, 2001)
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Anne Sophie von Otter singt „Lieder" und „Mélodies" – DGG.Archiv Produktion 469 074-2
von Dr. Wolfgang Kühnhold (special to the Meyerbeer Fan Club)
In ihrer verdienstvollen „Archiv Produktion" hat die Deutschen Grammophon Gesellschaft jetzt eine Lied-CD mit Anne Sophie von Otter veröffentlicht. Ein Recital mit Werken von Meyerbeer, Beethoven, Spohr – in dieser Reihenfolge auf die silberne Scheibe gebannt, anders als auf dem Cover, wo selbstverständlich Beethoven den Vorrang hat! Warum gerade diese Werke und gerade diese Komponisten gemeinsam auf einer CD erscheinen, bleibt ein Rätsel. Auch der Begleittext von Sieghard Döhring löst diese Frage nicht. Wahrscheinlich wissen die Produzenten es selbst nicht: Der Titel der CD zu nennen wird nämlich schwierig, auf dem Cover erscheint ohne Punkt, Doppelpunkt und Komma ANNE SOFIE / VON OTTER / BEETHOVEN /MEYERBEER / SPOHR / LIEDER / MÉLODIES und dann in der letzten Zeile, ganz klein: MELVYN TAN, FORTEPIANO.
Doch was ist zu hören? Sattsam Bekanntes wie Beethovens „Adelaide" oder „In questa tomba" steht neben Vergessenem wie Spohrs „Sechs deutsche Lieder op. 154. So unterschiedlich wie die Sprachen (Italienisch, französisch, deutsch), wie die Begleitung (Klavier solo, Klavier mit Violine, Klavier mit Klarinette, a capella) sind die musikalischen und literarischen Themen, denen sich die drei Komponisten widmen. Einzig Anne Sophie von Otter und Melvyn Tan halten diese verschiedenartigen Bande zusammen. Durch ihre Kunst wird die Titelfrage gegenstandslos.
In der Tat gibt es viel zu entdecken auf dieser CD, die bereits im Februar 1999 eingespielt wurde und erst jetzt an die Öffentlichkeit gebracht wird. Allein die Einspielung der Mélodies und Lieder Giacomo Meyerbeers rechtfertigt diese CD voll und ganz. Denn dieser Komponist ist immer noch ein Stiefkind der Produzenten, wohingegen das Publikum ihn zu entdecken, zu schätzen und zu lieben beginnt. Aus neuerer Zeit liegt zwar eine grandiose Interpretation von Thomas Hampson (EMI 7544362: Rossini & Meyerbeer) vor; auch ist ein vorbildlicher Liederabend der Berliner Staatsoper (Simone Nold, Gunnar Gudbjörnsson, Hanno Müller-Brachmann, am Klavier Werner Schieke) vom März 2000 in bester Erinnerung – dennoch ist der ungeheure Schatz der Liedkompositionen Giacomo Meyerbeers noch längst nicht gehoben, sein Reichtum nicht im Bewußtsein der Öffentlichkeit. Von seinen Bühnenwerken stellte eben diese Staatsoper im Frühjahr 2000 und 2001 Robert le Diable in einer exemplarischen musikalischen Lösung unter Marc Minkowski vor – wo bleiben in all diesen Fällen die CD-Produzenten? Auch nach dieser Lied-CD mit Anne Sophie von Otter gilt diese Frage. Wäre ein Programm mit Meyerbeer-Liedern nicht wichtiger und spannender als die –zigste „Winterreise" oder „Dichterliebe"?
Nun also haben wir immerhin 8 Titel ( von insgesamt 23!) vorliegen, teilweise zum ersten Mal auf einem Tonträger zu hören. Geschrieben hat Meyerbeer diese Stücke für die besten Sänger seiner Zeit; nun werden sie von einer der großen Mezzosopranistinnen unserer Zeit vorgestellt. Jedem Musikinteressierten sei diese Veröffentlichung empfohlen. Nicht allein wegen der Raritäten – die wären Grund genug – sondern vor allem als ein Lehrstück in Gesangskultur und Gestaltung. Anne Sophie von Otter tritt uns mit einem stets bedingungslosen Einsatz ihrer Stimme entgegen; Richtschnur ist das von den Komponisten Geforderte und die Wahrheit der Situation. Das heißt bei Anne Sophie von Otter vor allem: wundervoll leise Töne, aus denen die Dynamik sich in einer glühenden Gestaltungskraft zu entfalten weiß. Gerade bei Meyerbeer, dessen Lieder häufig kleinen dramatischen Szenen gleichen, kommt diese ihre Kunst zur vollen Entfaltung. Einer inneren Dramatik verpflichtet gestaltet sie jedes Lied aus einem volltönenden mezza-voce, gelegentlich drohende Schärfen dabei klug umgehend. Ihre helltimbrierte Stimme weiß jede Situation zu fassen und zu gestalten. Man vergleiche in „La barque légère" etwa die Ah-Schreie mit folgendem Refrain, in jeder Strophe unterschiedlich gestaltet, stets von neuem überraschend. Die leichte Stimmgebung etwa in „La fille de l’air" entspricht den hell aufblitzenden Läufen des Klaviers. Im Terzett „Prière d’enfants" (mit Christina Högmann und Kristina Hammarström) kommen die drei Frauenstimmen aufs Schönste zur Entfaltung. Das Tempo ist – auch im Vergleich mit anderen Aufnahmen (neben Thomas Hampson: Ning Liang auf cpo 999 269-2 oder Cherubini und Meyerbeer. auf op.111, ops 30-132) – sehr zügig, dabei nie überhastet. Das ist zu einem großen Teil sicherlich auch das Verdienst von Melvyn Than. Seine Interpretation ist geradezu faszinierend, wohl eine der eindringlichsten Leistungen in der Liedbegleitung der letzten Jahre. Wie bei seinem Kollegen Andreas Staier in vergleichbaren Produktionen der letzten Zeit steht ihm ein historisches Instrument zur Verfügung (Fortepiano Conrad Graf no. 1192). Es ist eine Offenbarung den trockenen und gleichzeitig so beredten Ton als gleichwertigen Interpretationsbeitrag zur Liedgestaltung zu erfahren. So, genau so müssen die Komponisten sich die „Begleitung" gedacht haben. Gleiches gilt vom Klarinettenspiel des Éric Hoeprich, der sich bereits auf der 1995 entstandenen CD von op.111 (mit dem Tenor Gilles Ragon, französisch singend) empfahl, dessen Instrument hier ungleich farbenprächtiger erscheint. Diesen Wechselgesang zwischen Anne Sophie von Otter, der Klarinette und dem Klavier – jawohl, auch die Instrumente singen! – zu beschreiben, ist schier unmöglich. Man muß es gehört haben, man möchte es danach immer wieder hören!
Leider trifft diese Aussage nicht auf die hier vorgestellten Lieder Louis Spohrs zu. Die Kombination von Gesangsstimme, Klavier und Violine verwirrt den Hörer mehr, als daß es ihn gefangen nimmt. Lediglich die beiden letzten Beiträge („Der Spielmann und seine Geige" und „Abendstille") erreichen annähernd das Niveau der Kompositionen von Meyerbeer und Beethoven.
Das Liedschaffen des letzteren scheint dem Konzertbesucher im Gegensatz zu dem der beiden anderen Komponisten vertraut. dennoch lohnt es sich, auch hier Vergleiche anzustellen. Das Singuläre der Gestaltung wird schnell offenbar. Allein – die Höhepunkte dieser Veröffentlichung liegen in den Beiträgen Meyerbeers. Wie lange werden wir warten müssen, diesen Komponisten, dem für das 19. Jahrhundert ein gleichwertiger Platz neben Verdi und Wagner gebührt, endlich im Repertoire vertreten zu sehen? Das dies nicht allein für seine Opern gilt, beweist diese Neuerscheinung, die jedem Musikinteressierten zu empfehlen ist. Ein Anfang ist gemacht, ein guter, ein exemplarischer. Nun sind die Künstler, Manager, Sponsoren, Pädagogen, Produzenten gefordert. Es gilt einen Schatz zu heben!
(Inhalt der CD: Giacomo Meyerbeer: Mina / Komm / La barque légère / La fille de l’air / Sicilienne / Prière d’enfants / Le vœu pendant l’orage / Des Schäfers Lied
L. v. Beethoven: In questa tomba / T’intendo si, mio cor / Als die Geliebte sich trennen wollte / Seufzer eines Ungeliebten / Sehnsucht / An die Geliebte / Ariette / Maigesang / Adelaide
Louis Spohr: Sechs deutsche Lieder o. 154: Abend-Feier / Jagdlied / Töne / Erlkönig / Der Spielmann und seine Geige 7 Abendstille )
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